Stadtrats-Blog von Ulrike Boesser: Learning from London

20. November 2015

Ulrike Boesser, Fraktionssprecherin im Kommunalausschuss, ist bekennender Großbritannien-Fan. Sie verbringt mit ihrer Familie nicht nur gerne Zeit in der Hauptstadt, sondern auch im Norden der Insel, in den schottischen Highlands oder der Münchner Partnerstadt Edinburgh. Hier schreibt sie über eine Stadtrats-Informationsreise nach London:

"Zehn Prozent mehr Einwohner pro Jahr, zunehmende Dichte, mehr Verkehr, steigende Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen in der teuersten Stadt Großbritanniens und die Frage, wer sich die Stadt künftig noch leisten kann. Wie können Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft dieses Wachstum bewältigen? Diese Frage stellt sich nicht nur in London, sondern auch in München. Die Mitglieder des Stadtplanungsausschusses haben sich in London bei einer viertägigen Reise in Gesprächen mit Behördenvertretern, Kommunalpolitikern, Architekten und Kulturschaffenden Anregungen geholt.

Wohnen und Wachstum

Die britische Hauptstadt ist zugleich die größte Stadt der Europäischen Union und ähnlich dicht besiedelt wie München. Und die Einwohnerzahl nimmt weiter zu, Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2030 bis zu zehn Millionen Menschen in London leben werden.

Dies stellt die Stadt in vielen Bereichen vor große Herausforderungen. Die wohl größte ist die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen. Der Londoner Wohnungsmarkt steht unter extrem hohem Druck, die Preise für Wohnimmobilien sind seit 2011 um elf Prozent gestiegen und ein Ende der Entwicklung ist noch nicht in Sicht. Erstmals in der Stadtgeschichte ist die Zahl der Menschen, die zur Miete wohnen, höher als die der Hauseigentümer. Dies ist für Großbritannien sehr untypisch, wo es üblich ist, dass schon Berufsanfänger Wohneigentum erwerben ("my Home is my Castle"). In London wird dies für wachsende Teile der Bevölkerung unerschwinglich. Ein typisches englisches Reihenhaus kostet derzeit fast eine halbe Million Pfund (= mehr als 700.000 Euro).

Eine kommunale Strategie zur Bewältigung der Situation gibt es nur in Ansätzen. Denn eine zentrale Planungsinstanz oder kommunale Wohnungsbaubehörde gibt es in der Millionenstadt London nicht. Die Regierung Thatcher hat in den 80er Jahren zuerst den damaligen Stadtrat und die Londoner Stadtverwaltung aufgelöst, dem Oberbürgermeister sämtliche Kompetenzen entzogen und die stadteigenen Wohnungen (Council Houses) privatisiert. Von diesem Kahlschlag, dem landesweit 1,8 Millionen geförderte Wohnungen zum Opfer fielen, hat sich die Stadt bis heute nicht erholt.

1999, nach dem Regierungswechsel, wurde die Greater London Authority (GAL) gegründet und der Labour-Politiker Ken Livingstone zum neuen Oberbürgermeister gewählt, der den geförderten Wohnungsbau in der Stadt ansatzweise wiederbelebte. Sein Vorhaben, 50 Prozent aller neuen Wohnungen als öffentlich geförderte Wohnungen zu errichten, konnte er in seiner Amtszeit nicht mehr umsetzen. Sein konservativer Nachfolger Boris Johnson hat alle Projekte gestoppt, gleichzeitig hat die britische Regierung die (wenigen) Zuschüsse für die Unterstützung sozial bedürftiger Mieter massiv gekürzt.

Für den öffentlichen Wohnungsbau sind heute in London die 32 Bouroughs (Stadtbezirke) zuständig, die jeweils eigene Strategien verfolgen und teilweise eigene Wohnungsbestände haben. Wie die Bouroughs damit umgehen, ist von den jeweiligen politischen Mehrheiten des Bourough Councils (Stadtbezirksräte) abhängig sowie von der Kassenlage. Der Bourough Newham im Londoner Osten will seinen Bestand sogar ausbauen, ältere Council Houses sanieren und Grundstücke im öffentlichen Eigentum halten. Und das als einer der ärmsten Stadtteile, mit einem sogar für Londoner Verhältnisse hohen Migrantenanteil.

Leider trifft das nicht auf alle zu. Andere Bouroughs verkaufen die letzten wenigen Wohnungen oder Gemeindegrundstücke an Investoren, um ihre Kasse aufzufüllen. Es gibt Auflagen, auch einen Anteil an Sozialwohnungen zu realisieren, aber davon kann sich ein Wohnungsunternehmen in manchen Fällen "freikaufen" und ausschließlich hochpreisige Wohnungen für zahlungskräftige Kundschaft entwickeln.

Die Preisspirale dreht sich sehr schnell weiter nach oben, auch weil Vermögende aus aller Welt ihr Geld vorzugsweise in Immobilen auf der britischen Insel "parken" und jede noch so astronomisch hohe Summe zahlen, weil Rediteerwartungen, anders als bei "klassischen" Anlegern, keine Rolle spielen.

Kultur und Freiräume

Chris Dercon sieht diese Entwicklung mit Sorge - nicht nur für die Kulturszene und die junge Kreativwirtschaft in London. Für Künstlerinnen und Künstler wird es zunehmend schwer, bezahlbare Räumlichkeiten zu finden. Der Rektor der Tate Gallery of Modern Arts - in München vielen bekannt, weil er bis März 2011 Direktor des Hauses der Kunst war - sorgt sich um das soziale Gefüge Londons, um den öffentlichen Raum, der eine lebendige Stadt erst ausmacht. Denn der Bauboom, vor allem in begehrten Vierteln in Nähe der Themse, bringt auch eine Privatisierung von Freiflächen mit sich, deren Zugang teilweise von privaten Sicherheitsdiensten geregelt wird.

Dem setzt Chris Dercon ein eigenes Konzept entgegen und versteht seine Kunstgalerie nicht als abgeschotteten Kulturtempel, sondern als offenes Forum, als Aufenthaltsraum für alle Bevölkerungsschichten, sozusagen als innenliegenden Freiraum, vor allem für diejenigen, die sich die Immobilien im inneren Londoner Stadtgebiet nicht mehr leisten können.

Was kann München von London lernen?

Immer wieder bestätigt sich, dass auch in einer boomenden, wirtschaftlich starken Stadt mit kaufkräftigen Einwohnern der Wohnungs- und Immobilienmarkt einer gewissen Steuerung bedarf. Hier ist London sicherlich wenig vorbildlich. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Insel sehr wohl. Was München von London lernen kann, ist mehr Optimismus. Das Wachstum der Stadt, ihre wirtschaftliche Entwicklung werden nicht als Belastung aufgefasst. Veränderungen begegnet man mit großer Offenheit, Pragmatismus und nicht mit kleinlichem "was-wäre-wenn?"

Dies zeigt sich u.a. in der mutigen, modernen Architektur zahlreicher Neubauten.

Und auch das derzeit (europaweit) größte Bauprojekt wird nicht bekämpft, sondern wohlwollend begleitet: Der Bau des Cross Rail, einer neuen Bahnverbindung quer durch London, die parallel zum Nordufer der Themse verläuft. Seit 2009 werden unterhalb der Stadt 42 Kilometer Tunnel gegraben, werden neue Stationen gebaut und bestehende Haltestellen erweitert. Cross Rail wird den Londoner Osten u.a. mit dem Flughafen Heathrow verbinden und für eine große Entlastung der bestehenden "tube", der London Underground, sorgen. Das größte Nahverkehrsprojekt der EU wird voraussichtlich 15 Milliarden Pfund (= rund 21,4 Mrd. Euro) kosten. Ein Teil des Geldes kommt von der Britischen Regierung, aber auch die in der City of London ansässigen Unternehmen leisten eine stattlichen Beitrag. Es gibt weder Neiddebatten mit anderen englischen Regionen um die Finanzierung des ÖPNV im Ballungsraum London noch Demonstrationen wie in Stuttgart oder ein staatliches Verkehrsunternehmen, das das Projekt seit Jahren oder Jahrzehnten auf lange Bank schiebt.

Eine wachsende Millionenstadt und ihr Umland brauchen ein leistungsfähiges Verkehrssystem. In London eine Selbstverständlichkeit. Ganz einfach.

PS: Allen, die die "Lustreisen" von Politikerinnen und Politikern hinterfragen, lasse ich gerne das Programm der Reise zukommen. Zeit für Shopping oder Wellness hat der straffe Zeitplan jedenfalls nicht gelassen."

  • Ulrike Boesser
    Ulrike Boesser, Stadträtin

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